Loveparade – Meine Meinung dazu
Auf unterstem Niveau bewegt sich die Masse heute mal wieder. Wenn man die Nachrichtenmeldungen verfolgt, welche im Nachgang zur Loveparade erscheinen, fragt man sich wirklich wie doppelzüngig die Menschen in diesem Land eigentlich sind.
Normalerweise gehört die eigene Meinung hinten dran, aber bevor ich hier gesteinigt werde, gebe ich sie mal vorneweg. Was bei der Loveparade passiert ist, ist passiert. Es kann nicht wieder gut gemacht werden, aber man kann aus den Fehlern lernen.
Meiner Meinung nach hätte die Loveparade nicht stattfinden dürfen. Wenn man mich als Ordner (habe ja selbst im Sicherheitsdienst gearbeitet) an dem Tunnel postiert hätte, hätte ich wohl meine Meinung bekannt gegeben, meinem Vorgesetzten ins Gewissen geredet und letztlich versucht das beste aus der Situation zu machen – immerhin kann ich wenn ich dabei bin noch versuchen etwas zu retten. Bei der Planung befragt hätte ich wohl angefangen die “Planer” auszulachen, aber das ist eine andere Baustelle. Denn hätte, wenn und aber können keinen Menschen wieder ins Leben zurückholen.
Das dort nicht nach Sicherheitsmaßstäben geplant, oder gar Fachwissen berücksichtigt wurde ist inzwischen wohl jedermann bekannt. Das die Staatsanwaltschaft deswegen ermittelt, allerdings ebenfalls.
Jeder Psychiater, Seelsorger und Priester wird mir wohl zustimmen, Reden hilft, seinen Gedanken Luft machen, hilft. Sich von der Seele schreiben hilft. Schonmal für sich selbst, aber auch für andere, die es lesen können und damit ihre eigenen Gedanken verarbeiten. Man kann sich selbst schlau machen, Hintergründe erfahren, Zeugenaussagen und Berichte lesen, Videos anschauen und weiterverteilen. Es ist richtig, dass jeder Aufgeklärt wird, was dort wirklich geschehen ist.
Wie Herr Middeldorf mit einem Kommentar seine Meinung kundtun steht jedem Frei, übrigens auch Frau Herrman. Der gesunde Menschenverstand, der den Kommentaren in Netz nach zur Urteilen nicht ganz so gesund sein kann (meine Meinung!) sorgt normalerweise dafür, dass man nicht vergisst in welcher Gesellschaft wir hier leben und welche Regeln hier gelten.
Hier in Deutschland gilt immer noch die Unschuldsvermutung. Jeder ist Unschuldig, bis seine Schuld bewiesen wurde und er rechtskräftig verurteilt ist. Und mir platzt der Kragen, wenn der Mob Verurteilt, wie man es in den Kommentaren nur zu Hauf lesen kann. Da werden aus Indizien Fakten und aus Anzeigen Verurteilungen. Die Menschen, welche bei einem reibungslosen Ablauf (trotz des unzureichenden Geländes) die Veranstalter in höchsten Tönen gelobt hätten, mutieren zur Zeit zum Lynchmob.
Ich halte nicht viel von der Bibel, aber die Aussage “Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!” den kennt wohl jeder. Verstanden hat ihn indes wohl kaum einer.
Wer also Morddrohungen ausspricht, sollte vielleicht mal überlegen ob man überhaupt den richtigen damit ins Visier nimmt. Wer immer lauthals irgendwelche Forderungen stellt, von Rückttritt, sozialer Ächtung, oder Lynchjustiz, sollte sich erstmal schlau machen was da überhaupt passiert ist.
Wer hier noch liest, dem ist noch zu helfen, denn er urteilt nicht ohne Sinn und Verstand. Es sind nicht die Raver, die Schuld an der Tragödie sind. Es sind auch nicht die Planer, die Stadt, die Polizei, irgendwelche Politiker oder Sicherheitsleute. Es sind alle gemeinsam. Denn es handelte sich um eine Massenpanik!
Das Risiko für eine solche ist bereits verschwindend gering. Und die schlechte Planung, der falsche Ort und das fehlende und unqualifizierte Personal begünstigten diese zwar, jedoch sind sie nicht dafür verantwortlich. Die “Planer” haben diese Tragödie nicht herbeigeführt, nicht verursacht, nicht hingenommen, nicht geplant, nichtmal für gut befunden. Morddrohungen, Selbstjustiz, Lynchgedanken sind daher fehl am Platze. da wir eine funktionierende Justiz haben und die arbeitet bereits. Man sollte die Justiz jetzt unterstützen und nicht behindern indem zur Lynchjustiz aufgerufen wird.
Jetzt hab ich gesagt, was alles nicht für die Tragödie verantwortlich ist, jetzt muss ich auch sagen was denn verantwortlich ist, oder? Nein, denn das kann ich nicht, ich war nicht vor Ort, ich kenne diesen speziellen Fall nicht.
Von Sodom und Gomorrha zu reden ist bestimmt nicht korrekt, wobei die Bibel doch beliebter zu sein scheint als ich vermutete. Aber man sollte nicht vergessen, dass die Loveparade schon immer ein besonders Drogen-affines Publikum hatte (Alkohol ist übrigens auch eine Droge). Gehen wir mal davon aus, dass nur 50% der Besucher keinen klaren Kopf mehr hatten, weitere 25% im Feierrausch waren (berauscht durch Feiern nicht durch Drogen) – gibt das einen der größten Faktoren für das was passiert ist. Trotz der beklemenden Umgebung, der Wände, Zäune und Absperrungen, was wäre wohl passiert, wenn die Feiernden in englischer Manier in der Reihe gestanden hätten und brav den Abstand zum Vordermann eingehalten hätten? Richtig, eine Massenpanik würde dann wohl kaum auftreten, es würde wohl auch keinem die Luft aus dem Körper gepresst werden.
Meine Meinung ist jedoch, dass viele (nicht alle) Besucher der Loveparade nur das Feiern im Kopf hatten und Verstand, Rücksichtnahme und Respekt zuhausegelassen haben. Zudem verhalten sich Menschen in der Masse selten so vernünftig wie sie es alleine tun.
Es wurde von den Ravern selbst geschoben und gedrängelt, wodurch es im Tunnel selbst erst zu der Panik kam. Vielleicht sollten sich die Raver mal fragen ob es denn richtig sein kann, für den eigenen Spaß nach vorne zu drängeln, nur um als Spät ankommender noch etwas von der Party mit zu kriegen. Wenn einer drängelt, spürt der Vordermann nur geringen Druck von hinten. Wenn 10 drängeln kippt vorne einer um. Und wenn er nicht umkippen kann, weil zu viele um ihn rum stehen? Dann setzt die Panik ein.
Diejenigen, welche für die begünstigenden Umstände verantwortlich sind, werden von der Justiz bestraft werden.
Alle anderen jedoch nicht…
Ich hoffe ich konnte wenigstens ein paar Leute zum Nachdenken anregen… Schreibt mir was ihr denkt!
27. Juli 2010 um 21:53
Meine volle Zustimmung! Wir leben in einem Rechtsstaat und nicht in der Anarchie, wo jemand blutige Lynchjustiz üben darf! Es ist wirklich zum kotzen!
http://www.psychozirkus.de/2010/07/die-treibjagd-hat-begonnen/
28. Juli 2010 um 11:54
Guter Einwurf, jedoch möchte ich ergänzend zu Bedenken geben, dass es nicht nur zu einer Massenpanik kam, sondern danach tausende Menschen traumatisiert wurden und noch sind. Diese erhalten nur bedingt Unterstützung in der Bewältigung ihrer Verletzungen und sehen zur Zeit, wie sich alle Entscheidungsträger um ein ehrliches Bekunden des Mitgefühls drücken.
Und parallel finden, obgleich eines “Rechtsstaates”, seltsame Entwicklungen rund um die Aufklärung der Katastrophe statt, die dem so bezeichneten “Mob (Trauernde)” nicht wirklich helfen an ein Recht im Staate zu glauben. Ich möchte jetzt nicht auf Einzelheiten eingehen, aber dass das Vertrauen in die Politik, die Polizei den Veranstalter derzeit begründet schwindet hat Ursachen!
Die Verantwortung wird vermutlich am Ende auf den Veranstalter abgewälzt, denn wer glaubt ernsthaft, dass die Politik, die Stadt oder die Polizei gegen sich selbst schonungslos-objektiv ermitteln wird?!
Ich meine jetzt nicht Einzelpersonen, sondern die Institutionen an sich. Dass jeder Mensch vor Ort sein Bestes gegeben hat, dürfte für jeden Leser logisch sein. Aber das derzeitige Verhalten der Entscheidungsträger begünstigt die derzeitigen Reaktionen nur.
Es verlangt niemand, dass die Verantwortlichen sich aus ermittlungstaktischen Gründen selbst belasten, aber ein deutlich offensiveres Bekunden ihres Mitgefühls, und das Zeigen des eigenen Bedauerns, ist doch wohl nicht zu viel verlangt – Es fehlt! Und daher geht ihr Ruf nach dem “Rechtsstaat” ins Leere, dieser greift später, hat aber nichts mit den Trauernden und ihren momentanen Reaktionen zu tun.
Fazit:
Es geht den Trauernden nicht um Verurteilung eines Schuldigen im Sinne eines rechtsstaatlichen Urteils, sondern um die öffentliche Anerkennung ihres Leides !!!
Dies findet nicht statt, und daher sollte jedem klar sein, dass der “Mob” sich andere Wege aus seiner Hilflosigkeit sucht. Dass dies teils übertriebene Ausmaße annimmt, hängt unmittelbar mit dem individuellen Leidensdruck zusammen.
Ihr Ruf nach dem “Rechtsstaat” bringt leider garnix, eher begünstigt dies noch das momentane “Nicht-Anerkennen” des Leides.
PS: Ich hoffe mein kritischer Beitrag schafft es durch die Moderation.
28. Juli 2010 um 12:08
>>Ich hoffe mein kritischer Beitrag schafft es durch die Moderation.
Warum denn nicht? Ich bin allerdings dazu verpflichtet als Blogbetreiber die Kommentare zu prüfen und um da nicht in rechtliche Scherereien zu kommen blicke ich sie halt erst durch.
Alle Traumatisierten der Tragödie können Hilfe finden. Kirchen und soziale Dienste helfen einem weiter, vermitteln auch wenn es notwendig ist weitere Hilfe. Allerdings müssen die betroffenen auch hingehen und die Angebote nutzen, nicht nur warten und hoffen, dass die Hilfe auf einen zukommt.